Mehr Licht! – Thema: Lichtdesign im Theater

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Theaterchef Winfried Becker spart mit seinen LED-Scheinwerfern nicht nur viel Energie. Er schwärmt auch von den künstlerischen Möglichkeiten.

Es ist Nacht geworden. Sechs LED-Scheinwerfer tauchen die Bühne in ein intensives blaues Licht, als die schöne Desdemona zum Gebet niederkniet. Während sie ihr letztes „Ave Maria“ spricht, sind zwei weitere Spots direkt auf sie gerichtet und lassen ihr rotes Kleid hell aufleuchten. Desdemona legt sich ins Bett und will sich zur Ruhe begeben, als ihr rasend eifersüchtiger Ehemann Othello die Szenerie betritt. Der Feldherr ist einer Intrige aufgesessen und glaubt, dass Desdemona ihn betrüge. Er stürzt sich auf seine Gattin und erwürgt die Unschuldige. Im Todeskampf wechseln die Scheinwerfer, die Desdemona anstrahlen, ihr Licht von Rot in die Komplementärfarbe Grün. Das rote Kleid wird schwarz, als die junge Frau ihr Leben aushaucht.

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Winfried Becker hat schon immer aus wenig Ressourcen viel gemacht. Seine Freunde nennen den wortgewandten Theaterchef auch gerne „einen Derwisch“. Als der studierte Mathematiker und Physiker Anfang der neunziger Jahre mit einem Freund das Frankfurter Gallus Theater besuchte, war es um ihn geschehen: „Es hatte mich einfach gepackt. Ich musste das Theater übernehmen“, sagt er heute. In den Folgejahren kämpfte er ständig mit knappen Kassen. Vor allem für Technik gab es nur wenig Budget. Als im Zuge einer Verlängerung des Mietvertrags dann endlich eine Summe von 25.000 Euro bereitstand, ergriff Becker seine Chance: er engagierte einen Energieberater und investierte das Geld – vor allem in modernste LED-Lichttechnik. Damit erreichte Becker viel: der Energiebedarf für Licht sank nicht nur um drei Viertel, sondern die digital steuerbaren LEDs geben den Künstlern auch völlig neue gestalterische Möglichkeiten – wie bei der Schlussszene in Shakespeares Klassiker „Othello“.

Vor der Modernisierung verwendete das Gallus Theater konventionelle 1000-Watt-Scheinwerfer. Um eine bestimmte Farbstimmung zu erzeugen, wurden diese mit Farbfolien aus Kunststoff abgedeckt. Das führte zwar zum gewünschten Effekt, brachte aber mehrere Nachteile mit sich. Zum einen leuchtete jeder Scheinwerfer nur in einer Farbe; die Folien konnten allenfalls in den Pausen ausgewechselt werden. Zum anderen brannten die Folien mit der Zeit durch. Und nicht zuletzt verbrauchten die Scheinwerfer im Bühnenraum jede Menge Energie. „Unsere Stromrechnung summierte sich jeden Monat auf rund 1.000 Euro“, berichtet Becker. Viel Geld für ein kleines Theater. „Jetzt sparen wir nicht nur viel Strom, sondern können auch während der Vorführung die Farben der Scheinwerfer verändern.“ Dies macht die Lichtregie ganz einfach mit einem digitalen Steuerpult – und kann dabei auf Millionen von Farben zurückgreifen. „Theater braucht ganz feine Farbabstimmungen. Die Farbe muss etwas erzählen. Mit unseren LED-Scheinwerfern können wir ganz individuelle Farbtöne erzeugen, die sehr intensiv wirken.“

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Die Energieberatung nahm auch andere Bereiche des Theaters unter die Lupe. Dabei zeigte sich, dass die Beleuchtung des Foyers ein noch größerer Stromverbraucher war. Denn sie ist weitaus länger in Betrieb als die Bühnenbeleuchtung. Deswegen wurden die insgesamt 24 Lampen, die mit je 300 Watt leuchteten, durch die gleiche Anzahl an 12-Watt-LEDs ersetzt. Dies reduzierte nicht nur den Energieverbrauch um 96 Prozent, sondern führte auch dazu, dass sich das vollbesetzte Foyer nicht mehr so stark aufheizt. Weiteres Potenzial entdeckte der findige Theaterchef mit seinen Beratern bei der Lüftungsanlage. Sie wird jetzt gezielt eingesetzt. Dazu wurde ein CO2-Messgerät im Zuschauerraum installiert. Denn jeder der knapp 200 Zuschauer emittiert stündlich etwa 30 Gramm CO2 in die Raumluft. „Durch die Messung haben wir überhaupt erst ein Verhältnis zum Thema CO2 bekommen. Wir haben jetzt jederzeit einen Überblick über die Luftqualität und können die Lüftungsanlage gezielt immer dann zuschalten, wenn es auch tatsächlich notwendig ist.“

Mit alledem übernimmt das Gallus Theater eine Vorreiterrolle. In Frankfurt, wo es weitaus größere Bühnen gibt, ist es das erste und bislang einzige Theater mit dieser Ausstattung. „Wir stehen erst am Anfang, und wir müssen den Künstlern zeigen, welche Möglichkeiten sich ihnen durch das digitale Lichtdesign eröffnen“, meint Becker. „Die Technik ist verfügbar. Nun kommt es darauf an, was wir daraus machen.“ Er sagt das mit einer solchen Energie und Überzeugung, dass beim Zuhörer nicht der geringste Zweifel daran bleibt, dass dies gelingen wird.

Weitere Infos:

Autor: Laurin Paschek, Fotos: Matthias Haslauer

Quelle

Energieeffizienz in Soziokulturellen Zentren – laks.de

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Nachhaltigkeit ist auch Überlebensfähigkeit

„Kultur und Nachhaltigkeit“ ist ein In-Thema. Nachhaltig kann es aber nur werden, wenn Worten auch Taten folgen. Im Gespräch mit der LAKS äußert sich Walter Spruck vom Institut für Nachhaltigkeit in Kultur und Tourismus zum Thema und was soziokulturelle Zentren machen können.

Walter, du beschäftigst dich mit dem Themenkomplex „Nachhaltigkeit im Kulturbereich“. Für den Nichteingeweihten: Was versteht man darunter?

Kultur ist ein sehr großer Markt, der zudem noch wächst. Von der sogenannten Hochkultur, Museen, Opern, Theater über Musicalhallen und Festivals bis hin zu dem, was aktuell alles unter Event läuft. In diesem großen Spektrum sind auch die Soziokulturellen Zentren.

Um die genannten Bereiche ist zudem ein differenzierter Dienstleistungssektor entstanden, von der Bühne bis zum Catering, etc. Das alles braucht Ressourcen, Strom, Wasser, Materialien zum oft einmaligen Gebrauch, was wiederum Fahrkilometer benötigt und eine Menge Abfall produziert.

Ein Schwerpunkt meiner Tätigkeit besteht darin, Wege aufzuzeigen, wie der Verbrauch gesenkt oder vermieden werden kann. Effizienz und Kosteneinsparungen machen es auch aus wirtschaftlicher Sicht interessant.

Wie bist du zu dem Thema gekommen?

Über 10 Jahre lang konnte ich in der Industrie Prozessabläufe analysieren, um sie fehlerfrei und effektiv zu gestalten. Das war für mich immer eine kulturelle Leistung, denn die Kommunikation von Menschen ist der wesentliche Faktor. Menschen gestalten Prozesse und treffen die Entscheidungen. Nachhaltigkeit ist für mich im kleinen Rahmen, mit kostbaren Ressourcen sparsam umzugehen, gewachsen. Erst dann wurde es zu einem wichtigen globalen Thema.

Derzeit gibt es einiges an Diskussionen und  – man beachte die feine Ironie – viel Papier zu dem Thema. Wie ist deine Einschätzung zum Stand der Diskussion, wie zum konkreten Stand der Dinge? Und was ist dein persönlicher Ansatzpunkt zum Thema „Nachhaltigkeit im Kulturbereich“?

Der Kulturbereich beginnt aufzuwachen. Nach über zehn Jahren Papierproduktion werden praktische Änderungen sichtbar, was mich natürlich freut. Über die Transformation der Gesellschaft zu diskutieren ist eine wichtige Sache, im eigenen Haus eine gute Ökobilanz zu gestalten, gehört aber ebenso dazu. Immer noch kennen viele Kultureinrichten ihre Energiebilanz nicht. Optimistisch gesagt:  Wir haben aktuell viele tolle Möglichkeiten, ganz praktisch umzusetzen. Wir müssen es nur tun!

Du hast in Hessen ein Modellprojekt zur Energieeffizienz an hessischen Theatern durchgeführt, darunter an drei Staatstheatern und vier freien Theatern, u.a. mit der Waggonhalle in Marburg auch ein soziokulturelles Zentrum. Was sind erste Ergebnisse und Erkenntnisse?

In den Bereichen der großen Häuser wird nichts laufen ohne Direktive von oben, also der Landesregierung und den Kommunen, die jeweils an den Staatstheatern beteiligt sind. Die Strukturen der alten Kultur sind nicht sehr änderungsfreudig und hier sind erhebliche Finanzmittel erforderlich. Aber wesentlich ist, dass es bisher keine Vision gibt, in welche Richtung eine Änderung erfolgen sollte. So wartet man erst mal ab. Bei der freien Szene und auch den kulturellen Zentren sind es wie so oft Persönlichkeiten, die neue Entwicklungen vorantreiben. Da wäre mehr Austausch und gegenseitige Unterstützung hilfreich.

Wie so oft gilt auch hier: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es¨. Aber ebenso gilt: Wer soll das bezahlen? Denn nicht alles, was sinnvoll und wünschenswert ist, ist in der Praxis freier Kulturarbeit machbar. Stichwort: „Kein Geld ,kein Personal, keine Zeit.¨ Warum sollten sich soziokulturelle Einrichtungen dennoch mit der Thematik befassen?

Das Mantra “Keine Zeit, kein Geld, keine Leute“ ist bereits ein Symptom. Ich übersetze „Nachhaltigkeit“ auch mit „Überlebensfähigkeit“, und da kommen auf die freie Szene und die Soziokulturellen Zentren einige Herausforderungen zu. Die Gründergeneration und eventuell auch die direkten Nachfolger waren noch bereit, ihre Lebensenergie und -perspektive in ein Projekt mit solchen Dauerbaustellen einzubringen. Wird das die nächste Generation auch noch machen? Da habe ich Zweifel. Eine Nachhaltigkeitsberatung wird hier auch positive Impulse geben können. Und ganz pragmatisch: Strom sparen, Kosten senken, neue Fördermöglichkeiten nutzen, das ist wirtschaftlich sinnvoll und damit kann eine gute Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden.

Unabhängig von größeren Investitionen: Gibt es Aspekte, die sich schnell und unaufwändig umsetzen lassen? Wo kann man sich informieren, inspirieren oder beraten lassen?

Es lohnt sich unbedingt, zunächst zu wissen, wohin die Entwicklung gehen soll: Nachhaltigkeit ist im guten Sinn immer auch ein Bewusstwerdungsprozess und der will gewollt und durchgemacht werden. Aber eine kleine Gruppe reicht schon, um die Sache zu starten. Das betrifft auch die Finanzierungsfragen.

Du hast bundesweit das Angebot gemacht, mit zehn engagierten soziokulturellen Zentren als Piloten Wege der Realisierung in Technik, Organisation und Finanzierung zu erproben und umzusetzen. Was müssen interessierte Einrichtungen mitbringen?

Wenn es mehr werden, bin ich glücklich. Aber zehn wären gut. Wie Du gesagt hast, erst einmal Engagement für das Thema und Bereitschaft, etwas Neues zu wagen.

Harte Fakten sind:

1. Es muss in jedem Team eine klare Verantwortlichkeit und Entscheidungskompetenz für das Projekt bestehen.

2. Wir legen gemeinsam einen Zeitrahmen fest und dann geht es los. Da bin ich sehr zielorientiert.

Zurück zu Hessen: Wie geht es hier weiter? Gibt es bereits Förderprogramme etc., die genutzt werden können?

Entscheidend ist die Geschäftsform, also GmbH oder eingetragener Verein. Gewinnorientierte Organisationen haben in unserer Gesellschaft mehr Möglichkeiten. Für die  Vereine habe ich schon Alternativen aufgetan. Aber alle Locations sind Unikate. Da muss ich mit pauschalen Aussagen vorsichtig sein und möchte keine falschen Erwartungen wecken. Aber es gibt Möglichkeiten für alle.

Gibt es an dieser Stelle noch etwas, das du noch loswerden möchtest?

Ja. Nachhaltigkeit ist kein Luxusthema, dass wir der großen Politik überlassen sollten. Engagierte, zukunftsorientierte und lebensfrohe Menschen, die Visionen haben und bereit sind, sich dafür zu engagieren, sind wichtig. Insofern habe ich mit den Soziokulturellen Zentren einige Hoffnung auf neue Wege und Lösungen.

Walter, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg.

Das Interview führte:  Bernd Hesse, Foto: Kathrin Schmidt

Quelle

Was ist LAKS? In der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V. sind derzeit 470 Zentren, Netzwerke und Initiativen organisiert, die auf Länderebene Landesarbeitsgemeinschaften (LAKS) bilden.

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Die Ausgabe IV/2014 der Zeitschrift „soziokultur“  hat das Schwerpunktthema „Kultur und Nachhaltigkeit“. Internet: www.soziokultur.de/bsz/node/23